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Deine Anne

ein Mädchen schreibt Geschichte

Ausstellung mit Begleitprogramm

vom 15. Mai bis 28. Juni in Wiesbaden

www.wir-in-wiesbaden.net

Antifaschistischer Stadtrundgang

Nicht nur die großen Mahnmale, die ins Auge fallen, sondern ganz bewusst auch sichtbar zu machen, was eigentlich fast überall in Wiesbaden zur Zeit des Nationalsozialismus stattfand, dass eben auch diese Stadt, wie alle seinerzeit, ein Rädchen in der mörderischen Vernichtungsmaschinerie war, hat sich der Arbeitskreis „Kritische Intervention Wiesbaden“ auf die Fahne geschrieben. Im Rahmen der Reihe „Deine Anne“ boten die Mitglieder mehrere interaktive „antifaschistische Stadtrundgänge“ an. Auf zwei unterschiedlichen Routen führten Teams durch die Innenstadt und zeigten, wo der Massenmord an Juden, Homosexuellen, geistig Behinderten oder Sinti und Roma geplant und verwaltet wurde. So wurden in den damaligen Städtischen Kliniken in der Schwalbacher Straße Zwangssterilisationen durchgeführt, im heutigen Kultusministerium am Luisenplatz befand sich ein Folterkeller der SA und später der Sitz des Reichsarbeitsdienstes für Hessen-Nassau. Im heutigen Landeshaus war das „Amt für Erb- und Rassenpflege“, wo Schreibtischtäter Zwangssterilisationen, Euthanasie, beispielsweise in Hadamar, und Zwangsabtreibungen organisierten. Auch Adoptionen für Kinder aus dem „Lebensborn“ wurden hier vermittelt. In repräsentativen Villen in der Paulinenstraße gab es Gestapo-Dienststellen und SS-Dienstsitze. In von Juden enteigneten Häusern, zum Beispiel in der Adolfsallee, mussten sich Juden sammeln, um leichter überwacht werden zu können. Sie lebten hier unter unwürdigen Bedingungen bis zur Deportation. Stolpersteine künden heute von ihrem Schicksal. Die Synagogen wurden in der Pogromnacht geplündert und geschändet, in der Friedrichstraße mussten jüdische Wiesbadener/innen auf ihre Deportation warten. Durch die Bahnhofstraße marschierten sie zur Schlachthoframpe, um dort in die Züge zu steigen, die sie in die Vernichtungslager brachten – vor aller Augen. Halt wurde beim Rundgang aber auch an Stätten des Widerstands gemacht: Die Teilnehmer erfuhren von der Widerstandsgruppe „die Kette“, die zum Beispiel in der Buchhandlung Vaternahm aktiv war, von deren Mittelpunkt, dem Steueramts-Angestellten Heinrich Roos, der Juden half. Auch der Kommunist und Gewerkschafter Paul Krüger fand Erwähnung, der sich mit einer Komplizin als vermeintliches Liebespaar in der Adolfsallee traf. Und das Mahnmal für ermordete Sinti und Roma war ebenfalls eine Station des informativen, wenngleich bedrückenden Stadtrundgangs aus einer Perspektive, die sonst bei Stadtführungen eher nicht eingenommen wird.

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

Das Tagebuch der Anne Frank

Vortrag von Matthias Küntzel

Zu Gast im Theater im Pariser Hof war mit einem sehr interessanten Vortrag über "islamischen Antisemitismus" der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel . Hendrik Harteman von "Spiegelbild" begrüßte die vielen Zuhörer. "Die Veranstaltung war nicht unumstritten in unserem Team. Es ist immer schwierig, mit dem Finger auf eine Religion zu zeigen. Doch es ist Teil unserer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, die wir aus immer neuen Perspektiven führen." Es sei die Weiterführung der Diskussion aus dem letzten Jahr, als es um "israelbezogenen Antisemitismus" ging. Matthias Küntzel lud gleich zum offenen Diskurs ein. Er berichtete von den Zuständen in Frankreich, wo "Judenhass unter Muslimen oft die Norm darstellt". Solche Zustände müssten hier in Deutschland unbedingt verhindert werden. Hier sei das Thema derzeit auf ungute Weise polarisiert: Rechtspopulistische Panikmacher pauschalisierten, Verharmloser billigen Muslimen "mildernde Umstände" zu. "Beide Lager spielen sich damit auch in die Hände", so Küntzel. Das Phänomen werde kaum untersucht, "keiner will islamophob dastehen". Natürlich müsse auch antimuslimischer Rassismus bekämpft werden.
Viele Muslime lehnten zudem den Antisemitismus ab. Beim Versuch einer begrifflichen Eingrenzung sei zwischen dem religiös motivierten Antijudaismus, der die vormodernen Schriften des Islam dominiert, und dem europäisch geprägten Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert zu differenzieren. Antijudaismus ist Judenhass im religiösen Gewand.
Demgegenüber zeichnet sich der Antisemitismus durch rassistische Zuschreibungen sowie das Phantasma jüdischer Allmacht aus. Während beim Antijudaismus alles Jüdische als Böse gilt, hält der Antisemit alles "Böse" für jüdisch. Küntzel widmete sich dem Thema sehr detailliert. Interessant waren auch seine Ausführungen zu "Radio Zeesen", dem Propagandasender der Nazis. Der Sender sollte seit 1939  Nazi-Propaganda und Judenhetze verbreiten. Die mitgliederstärkste Abteilung war die Orient-Redaktion. Dort arbeiteten 80 Leute, darunter zahlreiche Übersetzer und Sprecher, die in ihren Heimatländern zum Teil sehr berühmt waren. Das Programm wurde auf Persisch, Türkisch, Arabisch und Hindi ausgestrahlt. Die Nazis hatten das Programm perfektioniert. Sie haben sich sehr viel Mühe gegeben, die Seele der arabischen Welt anzusprechen. Die Araber oder Perser waren nicht bereit, die deutsche Rassenlehre zu akzeptieren. Man hat einen anderen Weg gesucht, den Antisemitismus in diesem Teil der Welt zu verbreiten, nämlich den über die Religion. An den Vortrag schloss sich eine Diskussion an, bei der sich zeigte, dass im Publikum sehr gut informierte Zuhörer saßen.

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

Das Tagebuch der Anne Frank

Theater im Pariser Hof

Anne Frank wurde nur 15 Jahre alt, sie starb im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Das ist wohl die erste Assoziation, die man mit ihrem Namen verbindet. Doch aus den Tagebüchern, längst Weltliteratur und Schul-Pflichtlektüre, spricht die lebendige Seele eines jungen Mädchens in der Pubertät, eines lebenslustigen Wesens, das sich um den ersten Kuss, die erste Menstruation, Konflikte mit den Eltern, Sehnsüchte an das spätere Leben, erwachende Sexualität, Berufswünsche und Träume Gedanken macht. Selbst wenn die tatsächliche Existenz durch das Leben im Versteck eines Amsterdamer Hinterhauses bedroht und eingeschränkt war, sucht sich das hoch intelligente Mädchen in Ermangelung einer echten Freundin im Tagebuch ein Gegenüber, nennt diese fiktive Freundin sogar mit Namen, „Kitty“. Ihre Tagebucheinträge unterschreibt sie mit „Deine Anne“ – diese Worte gaben der aktuell laufenden Veranstaltungsreihe von „Wir in Wiesbaden“ den Titel. In diesem Rahmen hatten die Wiesbadener Burgfestspiele den Abend im Theater im Pariser Hof organisiert, eine Inszenierung der Burgfestspiele Bad Vilbel des Wiesbadeners Ulrich Cyran. Marlene Sophie Haagen schlüpft mit großer Überzeugung in die Rolle des Mädchens, das im realen Leben so gut wie alle Bedürfnisse und Sehnsüchte unterdrücken musste. Sie turnt und tanzt über die nur mit einigen Europaletten und einer Leiter ausgestatteten Bühne, spricht von allem, was sie fühlt und worüber sie mit niemandem sprechen kann. Auch von den immer größer gewordenen Schwierigkeiten der deutschen Juden im niederländischen Exil, die schließlich dazu führten, dass sie mit Hilfe von Angestellten ihres Vaters versteckt wurden und der Angst in ihrem Versteck entdeckt zu werden. Begleitet wurde der Abend von dem großartigen Akkordeonspieler Vassily Dück. Wenn die beiden das todtraurige jiddische Lied von den „zehn Brüdern“ singen, die einer nach dem anderen sterben, lässt sich der ganze Schmerz über die Auslöschung dieses jungen Lebens nachempfinden. Besonders schön: Im Publikum saßen viele sichtlich gefesselte Jugendliche, die diese klassische Schullektüre durch die beiden grandiosen Akteure sicher noch einmal ganz neu erfuhren und begreifen konnten. 

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

20.5.2019

Wer ist Wir?

Aus der Geschichte lernen – speziell zum Thema Umgang mit gesellschaftlicher Heterogenität: Das war das Thema des Workshops „Wer ist WIR?“ der im Programm von „Deine Anne“ im Jugendzentrum Bunsenstraße am 21. Mai stattfand. Christa Kaletsch und Stefan Rech vom Verein „Zusammenleben neu gestalten“ waren einen Tag lang in Wiesbaden zu Gast, um sich mit Parallelen zu befassen, die von  der heutigen Migrationsgesellschaft zu Ereignissen in der Vergangenheit gezogen werden können. Dabei zogen sie das Beispiel der so genannten „Displaced Persons“ zu Rate. Rund ein Dutzend Teilnehmende beteiligten sich an dem spannenden, interaktiven Workshop, bei dem zunächst ein aktueller Bezugsrahmen abgesteckt wurde: Was braucht ein Mensch, um glücklich zu leben? Welche universalen Menschenrechte haben Geltung? Mit einem Zeitstrahl konnten die Workshop-Teilnehmenden ihre Kenntnisse über historische Ereignisse überprüfen – von der Mondlandung und dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft bis zum Mauerbau, Mauerfall und unterschiedlichen anderen Meilensteinen der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Danach wurde speziell zum Thema „Displaced Persons“ gearbeitet. Hierbei wurden Dokumente des „International Tracing Service“ Arolsen verwendet. Sie ermöglichen Einblicke in Lebensläufe der Menschen, die durch den Status als Displaced Person nicht nur elementarer Menschenrechte beraubt waren, sondern auch wider Willen zu einer „homogenen Gruppe“ gezählt wurden. Der Entzug der Staatsbürgerschaften setzte sich bis weit in die Geschichte der Bundesrepublik durch. Kämpfe um Sichtbarmachung und Anerkennung und Handlungskonzepte Betroffener waren weitere Themen des Workshops. Auch das „Othering“, das Fremdmachen auf Grundlage einer Konstruktion von „wir“ und „die anderen“ und einer damit verbundenen Aberkennung von Zugehörigkeit wurde diskutiert. Das Thema hat absolute Aktualität; der Workshop zeigte auf, was aus historischen Vorgängen, die meist in der Schule nicht berührt werden, heute gelernt werden kann und wie man einen Nutzen im Umgang mit den Mitmenschen in der heutigen pluralen Gesellschaft daraus ziehen kann: Die Wahrung der Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung sind notwendige Voraussetzungen zu einem Leben in Würde für alle. 

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

20.5.2019

Kritik der Erinnerungskultur

„Kritik der Erinnerungskultur“ hieß ein Workshop, den die Jugendinitiative Spiegelbild am 20. Mai im „Jungbrunnen“ organisiert hatte. Mit den Wissenschaftler/innen Constantin Wagner von der Universität Mainz und Yaliz Akbaba von der Universität Marburg gingen gut zwei Dutzend Interessierte der Frage nach, worum es eigentlich bei der „Vergangenheitsbewältigung“ geht und wie „Erinnerungskultur“ in der Migrationsgesellschaft funktioniert. Eine kritisch-reflexive Betrachtung des Status Quo und möglicher unintendierter Effekte wurde in Kleingruppen nachgegangen, in denen Filme zum Thema gezeigt wurden. Welche „alternativen Zugänge“ zur Erinnerungskultur es geben kann, wurde im Rahmen dieses Abends ausgearbeitet.

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

Eröffnung von Wir in Wiesbaden: Deine  Anne - ein Mädchen schreibtGeschichte

"Deine Anne", die Ausstellung im Rathaus, um die sich ein umfangreiches Rahmenprogramm gruppiert, wurde am 15. Mai im Festsaal des Rathauses eröffnet. Bis zum 6. Juni ist sie im Foyer zu sehen. Hendrik Harteman von "Spiegelbild" konnte im vollbesetzten Saal zahlreiche Gäste aus der Politik begrüßen. Er wies auf 60 Veranstaltungen in den kommenden sechs Wochen hin, die "für Gesprächsstoff in der Stadt sorgen sollen". Die Ausstellung wird später noch ins Palast-Hotel wandern und dort bis zum 27. Juni zu sehen sein. Angesprochen sind Schulklassen, die durch so genannte "Peer Guides", speziell ausgebildete Jugendliche, begleitet werden. Termine hierfür sind noch frei. Darüber hinaus sind natürlich alle Altersgruppen willkommen, die sich über die Geschichte von Anne Frank, die durch ihr nachgelassenes Tagebuch bekannt wurde, informieren möchten. Kulturdezernent Axel Imholz würdigte die Ausstellung als Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen - Zeitzeugen sterben immer mehr aus, um so wichtiger sei es, sich lebensnah informieren zu können, "damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Was gerade passiert, kann demokratisch eingestellten Menschen nicht gefallen." Stadtverordnetenvorsteherin Christa Gabriel freute sich über die engagierten Jugendlichen, die beteiligt sind. "Es braucht heute Wissen und Wertmaßstäbe", so Gabriel. Hier erhebe sich "eine klare Stimme gegen Populismus". Anne Frank gebe dem Schrecken ein Gesicht, als eines von einer Million ermordeter jüdischer Kinder. Sozialdezernent Christoph Manjura spendete großes Lob für den seit zehn Jahren engagierten Trägerkreis "Wir in Wiesbaden", der sich unermüdlich für den "Wir-Gedanken" in der Landeshauptstadt einsetze. Bereits vor zehn Jahren habe es eine Ausstellung über Anne Frank gegeben, auch damals hätten Peer Guides durch die Scheu geführt. "Ihr macht einen tollen Job", sagte Manjura an die Adresse des Teams. Die aktuelle Ausstellung  mit Rahmenprogramm sei eine "Perle in der Stadt". Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, das die Ausstellung konzipiert hatte, würdigte ebenfalls die langjährige hervorragende Zusammenarbeit mit den Wiesbadenern. Es sei ein "Best-Practice"-Beispiel, "so etwas gibt es sonst nirgendwo - einen seit zehn Jahren außergewöhnlich engagierten Kreis von Menschen", sagte Siegele und stellte dem Publikum zwei der Peer Guides vor, Celine und Lilly, die beide von ihren Lehrerinnen angesprochen wurden und sich begeistert am Projekt beteiligen. "Wir haben das Buch auch mit 13 Jahren gelesen, im gleichen Alter, als Anne es geschrieben hat", sagten die jungen Frauen, die mit großem persönlichen Einsatz und Beteiligung ans Werk gehen wollen.
Siegele kündigte an, dass am 12. Juni, Anne Franks 90. Geburtstag, bundesweit verschiedene Aktionen in Schulen stattfinden werden. Auch in Wiesbaden gibt es dazu Veranstaltungen. Die Schauspielerin Eleni Tsaousidou las Auszüge aus dem Tagebuch der Anne Frank, bevor Hendrik Harteman mit persönlichen Worten die Veranstaltung beschloss und die Zuhörer mit den Peer Guides noch durch die Ausstellung gehen konnten.

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

Vortrag von Prof. Julia Bernstein

zu aktuellen Forschungsbefunden und Ableitungen für die Praxis:

Die Perspektiven der Betroffenen auf Antisemitismus in Alltag und Schule

In einem mitreißenden und sehr persönlich gehaltenen Vortrag ging Professorin Julia Bernstein aus Frankfurt auf Alltags-Antisemitismus, speziell, aber nicht nur an Schulen ein. Der gut besuchte Vortrag im Rahmen der Reihe „Deine Anne“ fand am 8. Mai in der Hochschule RheinMain statt. Julia Bernstein verdeutlichte, wie Gedankenlosigkeit, aber auch gezielte Bösartigkeiten heute wieder stärker im Alltag jüdischer Bürgerinnen und Bürger eine Rolle spielen. Klischees tauchen in Karikaturen auf, Schüler beschimpfen sich auf Schulhöfen und viele jüdische Deutsche haben wieder eine Scheu, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen oder entsprechende Symbole zu tragen. In einer groß angelegten Studie hat Julia Bernstein dieses Thema wissenschaftlich untersucht. Sie berichtete aber nicht nur von wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern auch von einzelnen Äußerungen, die ihr in Interviews berichtet wurden. So sei die Kommunikation oft auch erschwert, viele täten sich schwer, überhaupt das Wort „Jude“ in den Mund zu nehmen. Viele bewerteten bestimmte Äußerungen auch gar nicht als antisemitisch, obwohl sie dies doch ausdrückten. Und auch politische Bewertungen der Politik Israels werden oft mit antisemitischen Äußerungen vermischt. Normalität sei also noch lange nicht eingekehrt. Betroffen vernahm es das weitgehend junge Publikum. 

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

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Trägerkreis bereitet sich auf den Start der Veranstaltungsreihe

„Deine Anne – ein Mädchen schreibt Geschichte“ vor

Das Programmheft für die umfangreiche Reihe zur Ausstellung „Deine Anne“ liegt druckfrisch vor. Es hat auch schon diverse positive Rückmeldungen zum Inhalt und zur Aufmachung der kleinen gelben Broschüre gegeben, berichtet Hendrik Harteman von der Initiative „Spiegelbild“ zufrieden. Nun traf sich der Trägerkreis in den Räumen des „Jungbrunnen“, um sich konkreter auf die am 15. Mai beginnende Veranstaltungsreihe vorzubereiten. Der Trägerkreis „Wir in Wiesbaden“ verantwortet die Reihe, die in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindet und damit an die erste Reihe anknüpft, die ebenfalls eine Ausstellung über Anne Frank zum Anlass hatte. Das Thema ist breit gefasst. Es gibt Filme und Vorträge, Workshops und Diskussionen – und natürlich die Ausstellung, die an zwei Orten in Wiesbaden zu sehen sein wird. Die Tagesordnung des Treffens drehte sich am 11. April um organisatorische Einzelheiten wie beispielsweise die Notwendigkeit eines Sicherheitskonzeptes, um das Hausrecht der jeweiligen Veranstalter oder um die Programmabfolge der beiden Eröffnungsveranstaltungen. Gesucht werden noch weitere „Peers“, also Jugendliche, die ihre Altersgenossen auf Augenhöhe durch die Ausstellung führen. Eine Gruppe von 15 Jugendlichen hat sich bereits zusammengefunden und wird auf ihre Aufgabe vorbereitet. Der Vormittag wird dann immer Jugendgruppen oder Schulklassen vorbehalten sein, am Nachmittag ist die Ausstellung für die Allgemeinheit geöffnet. Neben dem Programmheft stehen als Werbematerialien noch Flyer, Bleistifte mit Logo oder Lesezeichen zur Verfügung. Die Werbung soll in den nächsten Wochen intensiv betrieben werden, vor allem an Schulen. www.wir-in-wiesbaden.net

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

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Rundgang mit Lesungen am Anne Frank Tag

Am 12. Juni dieses Jahres wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden. An diesem Tag hatten das Team von Spiegelbild zusammen mit der Buchhandlung Büchergilde und Ehrenamtlichen des AMS sich einen besonderen Stadtrundgang überlegt, um an Anne Frank zu erinnern, die nur 15 Jahre alt werden durfte und in Bergen-Belsen dem Terror der Nazis zum Opfer fiel. 

 An fünf Stationen in Wiesbaden fanden Lesungen aus ihrem Tagebuch statt. Wer wollte, konnte an allen Stationen teilnehmen. Die Lesung startete um 11 Uhr in der Buchhandlung Büchergilde, (dort entstanden auch die Fotos), es ging weiter zur Elly-Heuss-Schule, zum Geschwister-Stock-Platz, zum Mauritiusplatz und der Abschluss fand in der Ausstellung im Palast-Hotel statt. Das Besondere: Die Tagebuchpassagen wurden auch immer mit Erinnerungen an junge Wiesbadener Jüdinnen und Juden in Verbindung gebracht, denn auch in Wiesbaden fanden viele junge Menschen den gewaltsamen Tod. So konnte man beispielsweise in der Elly-Heuss-Schule eine Ausstellung besichtigen, die vor einigen Jahren von einer Geschichte-AG der Schule zusammengestellt worden war und die Schicksale ehemaliger jüdischer Schülerinnen der Schule nachzeichnete. So wurde die 22jährige Sonja Still, die die Schule1932/33 besucht hatte, ebenfalls aus dem Exil in Amsterdam nach Auschwitz deportiert und ermordet. In der Büchergilde las Gert Zimanowski aus dem Tagebuch der Anne Frank und den Erinnerungen ihrer Helferin Miep Gies. Georg Schneider vom Aktiven Museum Spiegelgasse erinnerte bei der Auftaktlesung im Keller der Buchhandlung Büchergilde an Manfred Ullmann, der im EVIM-Geburtsheim in der Emser Straße 1929 geboren wurde, dann mit seinen Eltern in deren Heimatort Laufenselden im Taunus lebte, wo der Vater Vorsteher der jüdischen Gemeinde war. Die Familie emigrierte 1933 nach Frankreich, wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Manfred Ullmann wurde nur 13 Jahre alt. 

Den Abschluss bildete die Vorstellung der 6 Mädchen, die die letzte Bat Mitzwa in der Synagoge am Michelsberg am 5. Juni 1938  erhielten. In einer sehr angemessenen  Atmosphäre wurden diese 14 bis 15 jährigen Mädels vorgestellt, von ihnen  konnten nur drei überleben.

Text und Fotos: Anja Baumgart-Pietsch

Musikalische Lesung zur Buch-Präsentation über Sinti Schicksale
Wiesbaden: Kesselhaus Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden |
Und eisig weht der kalte Wind ist nicht nur der Titel des Buchs von Ricardo Lenzi Laubinger, sondern trotz hochsommerlicher Temperaturen im gut besuchten Kesselhaus des Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden e. V. geradezu körperlich spürbar, nachdem seine gelesenen Passagen erschaudern gleichsam das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Das Schicksal der Sinti Familie Weiss/Laubinger von 1925 bis 2017 geht in doppelter Hinsicht unter die Haut: sowohl was die unmenschlichen Grausamkeiten der Nazi-Zeit anbelangt, als wie sehr die Gräuel noch heute insbesonders im Behördenallgag fortbestehen und mit den zunehmenden rechtsradikalen und rassistischen Strömungen deutlich wird, dass die auslösenden Momente keineswegs Vergangenheit sind.
Im Rahmen von “Wir in Wiesbaden 2019 – Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte” war mit freundlicher Unterstützung der CITOYEN Stiftung und Stiftung für die internationalen Wochen gegen Rassismus die Veranstaltergemeinschaft von Amnesty International, Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden e. V. und der Sinti-Union Hessen am 16. Juni 2019, 19.30 Gastgeber.
Mit SchülerInnen der Oberstufe des Campus Klarenthal – ergänzt von Mitgliedern von Amnesty International – übernahmen mit Jugendlichen exakt die wichtigste Zielgruppe des Buchs dessen Lesung.
Es ist seines Autors wichtigstes Anliegen, dass gerade die Jugend, also die Zukunft unseres Landes die Wahrheit erfährt, damit die einzig tragfähige Basis dafür geschaffen wird, dass sich solch Gräuel niemals wiederholen.
Angesichts des gegenwärtig mit unvorstellbarer Gesichtsvergessenheit, wie Verantwortungslosigkeit neu um sich greifenden Extremismus, Hass, Nationalismus und Rassismus ist dieses unmissverständliche Augenmerk so bitterst nötig, wie nie.
Es muss zudem angesichts der Tatsache, dass wir in eine Zeit ohne Zeitzeugen gehen, alleroberstes Gebot sein, den Holocaust nicht alleine mit den Verbrechen an den Juden in Verbindung zu bringen, sondern allen andern Betroffenen, wie Euthanasieopfer, oder verfolgte Minderheiten der Sinti, Roma und Jenischen ebenfalls!
Das Vergessen wäre/ist eine Wiederholung der Gräuel: mit Bewusstsein erfolgt, fast noch schlimmer, als die NS-Zeit! Nach wie vor jedoch wabert der Ungeist des Denunzianten und Mitläufer, vermeintlich Benachteiligten, ist Nährboden auch heute noch!
Ricardo Lenzi Laubinger erläuterte die wichtigsten Aspekte und Zusammenhänge, wie bsw. die Heimatbindung der seit über 600 Jahren in Deutschland ansässigen Sinti, von denen ein Großteil im ersten Weltkrieg hochdekoriert für Kaiser und Vaterland an der Front war.
Trotz aller Emotionen stellte er sich auch den Fragen des Publikums und blieb erstaunlich souverän, als diese auch in die Unverfrorenheit gipfelte, weshalb denn nicht eine rechtzeitige Flucht erfolgte.
Das Trio Christiano Gitano (der wohl derzeit beste Flamenco-Gitarrist in Deutschland), Taylor Paucken-Reinhardt (Gitarrist aus der legendären Dynastie) und Ricardo Lenzi Laubinger (Violine) brachten phänomenal Sinti-Swing zu Gehör und sorgten so für die immer wieder unerlässliche Entspannung.
14jährig wurde die deutsche Sintiza Bertha Weiss zusammen mit ihren Angehörigen am 16. Mai 1940 von den Nationalsozialisten aus Hamburg nach Polen in die Konzentrationslager verschleppt. Sie erlebte fünf fürchterliche, leidensvolle Jahre, bevor die Alliierten sie befreiten. Als Einzige von mehr als 60 Angehörigen der Familie Weiss überlebte die Mutter von Ricardo Lenzi Laubinger den Holocaust.
Eine Geschichte, die für viele Sinti-Familien steht.
Rund 500.000 Roma – so die offiziellen Zahlen, Insider sprechen aufgrund fehlender Registrierungen sogar von einer Dunkelziffer 1. 0 bis 1.5 Mio.! – aus ganz Europa wurden von den Nationalsozialisten in 11 europäischen Ländern dahin geschlachtet.
Das entspricht mindestens einem Viertel ihrer Gesamtbevölkerung. Die entmenschte Rassifizierung der Roma und anderer Minderheiten war der erste Schritt, um diesen abscheulichen Verbrechen den Weg zu ebnen.
Jede Sinti-Familie hat Angehörige verloren. Aber auch nach Kriegsende war und ist die deutsche Minderheit der Sinti benachteiligt und alltäglichem Rassismus ausgesetzt.
Das gipfelt bsw. darin, dass nach Kriegsende Behörden Wiedergutmachungszahlungen – soweit diese Gräueltaten überhaupt und um welchen Preis gut gemacht werden können – mit Aktenhinweis ablehnen.
Diese Nazi-Akten dokumentierten, dass für einen 8 Monate alten Säugling arbeitsscheu und nicht die Abstammung als Haftgrund für die Deportation ins KZ angegeben war. Arbeitsscheu auch bei seinem Onkel, der als Lkw Fahrer direkt aus dem Lkw verhaftet wurde.
Hierfür, wie zu allen Ausführungen des Buches liegen lückenlose Beweise vor.
Erschienen im KLAK Verlag für gute Bücher, Berlin www.klakverlag.de | ISBN: 978-3-948156-16-9
Doch erst mit dem Wechsel zu diesem engagierten Verlag wurde die Herausgabe möglich, denn im ersten Anlauf bestanden selbst beim früheren Unternehmen Ressentiments, wie sie in der Politik und bei Behörden an der Tagesordnung sind.
Aufgrund dieser Lebenserfahrungen gründete Ricardo Lenzi Laubinger die Sinti-Union Hessen und engagiert sich politisch für seine Minderheit.

Erich Neumann, freier investigativer Journalist
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